Was versteht man unter sensomotorischer Basis und welchen Zusammenhang gibt es mit dem „Stillsitzen“?

Wie oft haben sich Eltern bei der Hausaufgabe ihrer Kinder schon die Frage gestellt, warum:

  • kann mein Kind nicht stillsitzen?
  • rutscht es unruhig auf dem Stuhl umher, trommelt mit den Fingern, schaukelt mit dem Stuhl oder wippt mit den Füßen?
  • liegt es fast auf dem Tisch oder die Nase berührt beinahe das Blatt Papier?
  • verkrampft es sich so beim Schreiben?
  • benötigt es so viel Zeit und ist von leisen Nebengeräuschen bereits abgelenkt?
  •  scheint es Anweisungen zu ignorieren?

Trotz häufigen Ermahnungen und Aufforderungen, sich doch bitte Mühe zu geben, endlich still und gerade zu sitzen, die Finger zu entspannen oder besser aufzupassen usw., schaffen es die Kinder nicht, all diesen Anforderungen gerecht zu werden. Damit das Lernen und die dazu benötigte Konzentration gelingen kann, müssen auch körperliche Voraussetzungen gegeben sein.

 

Bewegung ist die erste Sprache eines Kindes

Durch die Bewegung fängt es an, seine Welt zu erkunden und Kontrolle über seinen Körper zu erlangen. Bevor ein Kind nicht die Kontrolle über Bewegungen und die Fertigkeit stillsitzen oder zu stehen erworben hat, verfügt es nicht über das fundamentale Werkzeug, welches für das Lernen benötigt wird. Folglich geht sehr viel Energie für die Aufrechterhaltung des Körpers verloren, welche für kognitive Prozesse gebraucht wird.

Um erfolgreich und zufriedenstellend Fertigkeiten wie etwa Lesen/Schreiben, Rechnen, Stillsitzen etc. erlernen zu können, benötigen wir eine breite und stabile Basis – die sogenannte sensomotorische Basis. Diese wird durch unsere drei Nahsinne gebildet: Gleichgewicht,Eigenwahrnehmung und Hautsinn. Diese werden auch als Körpersinne bezeichnet und liefern Informationen zu Körperschema, Körpergrenzen, Stellung der Gliedmaßen zueinander, Muskelspannung, Beschleunigung und Geschwindigkeit, Bewegung des Kopfes etc.

 

Welche drei sensomotorischen Basissinne sind die körperlichen Voraussetzungen für das Lernen?

 

1. Ein funktionierendes Gleichgewichtssystem = vestibuläres System

Das Gleichgewichtssystem kann als die Grundlage der Entwicklung und des Lernens bezeichnet werden und ist von seinem Stellenwert her mit keinem anderen Sinnessystem zu vergleichen. Z.B. setzt Lesen voraus, dass das Gleichgewichtssystem stabil ist und die Abstimmung mit den Augen perfekt funktioniert, sodass die Zeile gehalten werden kann und die Buchstaben erkannt werden.

Kinder, die im Gleichgewichtssystem unterversorgt sind, die nicht genügend Körperspannung und Kopfkontrolle aufbauen und diese auch halten können, müssen in Bewegung bleiben, um sich zu stimulieren, da sie ansonsten vom Sessel fallen oder umfallen würden. In dieser Weise ist es bei Kindern mit vestibulären Unterempfindlichkeit von Vorteil, schulisches Lernen mit Bewegung zu kombinieren, wie zum Beispiel:

  1. beim Vokabellernen auf und ab zu gehen,
  2. an einem Stehpult oder im Liegen zu schreiben,
  3. in Bauchlage im Unterarmstütz zu lesen,
  4. das Wechseln der Lernposition zu erlauben, da es in ein und derselben Position rascher ermüdet.

Sehr wichtig ist es aber zu bedenken, dass solche Kinder beim Sitzen einen stabilen Sitzplatz benötigen. Auch macht es Sinn, die Kinder beim Lernen „lümmeln zu lassen“, ansonsten geht – wie bereits erwähnt – die Energie in die Körperaufrichtung statt ins Lernen.

UGOTCHI Tipp:

  • Rollen, schwingen und schaukeln z. B. wie ein Baumstamm über den Teppich oder über einen Hügel runter rollen, Rollbrett fahren, Wippen bauen und darüber balancieren oder sogar mit dem Rad darüberfahren, Hängematte schaukeln, 
  • Kreis- und Bewegungsspiele zum Drehen, Hüpfen, z. B. Hüpfspiele auf einem Bein wie ein Storch, Tempelhüpfen, Hüpfspiele zum Erlernen des Rechnens, Trampolinspringen, Tanzen,
  • Spiele mit geschlossenen Augen – Versuche auf einem Bein zu stehen und zu hören aus welcher Richtung ein Geräusch kommt,
  • Erlebniswanderungen in der Natur, Klettern ermöglichen!

 

2. Ein funktionierendes taktiles System = Hautsinn

Sowohl die taktile Über- als auch Unterempfindlichkeit können das Stillsitzen und die Konzentration erschweren.

Taktil überempfindliche Kinder

reagieren übermäßig auf kleinste Berührungen. Durch ständiges Bewegen versuchen sie, den unangenehmen Reizen auszuweichen.

  • Ein gewöhnlicher Stuhl kann sich anfühlen wie ein Nagelbrett,
  • Eine Etikette an der Kleidung stört und bekommt die gesamte Aufmerksamkeit,
  • Es sitzt eine andere Person mit genügend Abstand daneben, aber für dieses Kind fühlt es sich bedrohlich an.

Taktil unterempfindliche Kinder

brauchen ständig Reize, um sich überhaupt zu spüren. Ihnen hilft die motorische Unruhe, den Stuhl unter ihnen und damit sich selbst überhaupt wahrzunehmen.

UGOTCHI Tipp

  • Finger- und Klatschspiele,
  • Backen, graben, buddeln, panschen, krabbeln und rutschen Sie mit Ihrem Kind!
  • Mal- und Schreibspiele auf dem Rücken Ihres Kindes,
  • Massieren Sie Ihr Kind mit oder ohne Creme,
  • Naturmaterialen sammeln, basten, reißen, knüllen,
  • Tastparcours für Füße und Hände.

 

3. Eine funktionierende Eigenwahrnehmung = Tiefenwahrnehmung, das propriozeptive System

Um schreiben zu können, braucht das Kind unter anderem bewegliche Hände und Unterarme, angemessenen Krafteinsatz und Temposteuerung und eine geübte Auge-Hand-Koordination. Maßgebend ist darüber hinaus die propriozeptive Eigenwahrnehmung der Hände, also ohne hinzuschauen zu wissen, wo sich die Hände befinden und was sie tun.

Ist die Feinmotorik noch nicht altersgemäß ausgebildet,

  • macht es wenig Sinn nur an der Feinmotorik zu arbeiten,
  • sondern ist es wichtig, einen Entwicklungsschritt zurück zu gehen,
  • um an der Grobmotorik zu arbeiten und den Rumpf- und die Kopfmuskulatur zu stärken.

Vorschläge für zuhause:

Eine Reizsetzung zur Stimulierung der Tiefeninformation bedeutet Druck und Zug an Muskeln, Gelenken und Sehnen.

UGOTCHI Tipp für zuhause:

  • Ziehen, drücken und schieben Sie Ihr Kind, lassen Sie sich drücken, schieben und ziehen!
  • Rangeln und Kräfte messen ist nicht nur für den Hautsinn wertvoll, sondern auch für das Soziale: Man lernt dadurch die eigenen Grenzen kennen und die des Anderen zu respektieren,
  • Turnen und klettern Sie an verschiedenen Geräten!
  • Handzeichen zur Unterstützung des Buchstabenlernens,
  • Brain-Gym Übungen, Yoga Übungen.

Die Ausreifung der drei Basissinne ist von größter Bedeutung für die altersgemäße Entwicklung der Motorik und diese ausgereifte Motorik spiegelt sich im Lernverhalten und auch im Sozialverhalten wider und man sieht anhand der Motorik, ob ein Kind sensorisch gut integriert ist oder nicht!

Fehlt diese stabile und sichere Basis, kann dies negative Auswirkungen auf etliche weitere Entwicklungsbereiche und das Erlernen von Fertigkeiten haben. Also lernen wir durch Bewegung und so reift unser Gehirn heran und dadurch auch unsere kognitiven Fähigkeiten. Hier wird die Bedeutung der sensomotorischen Basis für die Entwicklung von höheren Fertigkeiten sehr schnell klar und warum wir dieser so viel Beachtung schenken müssen. Bewegung, körperliche Aktivität, kindliches Spiel und sinnreiches Tun unterstützen die Kinder in der Ausbildung und Stärkung ihrer Basissinne!

 

 „Wer hohe Türme bauen will, muss lange beim Fundament verweilen.“

 

Literatur

Brägger, Gerold/ Hundeloh, Heinz/ Posse, Norbert/ Städtler Hermann: Bewegung und Lernen. Konzept und Praxis bewegter Schulen. Düsseldorf: Selbstverlag der Unfallkasse Nordrhein-Westfalen, 2017.

Beigel, Dorothea: Flügel und Wurzeln. Persistierende Restreaktionen frühkindlicher Reflexe und ihre Auswirkungen auf Lernen und Verhalten. Dortmund: Verlag Modernes Lernen,5 2011.

Grafinger, Magda: Mototheraphie bei Kindern. Wahrnehmungsförderung im Vor- und Volkschulbereich. Berlin: Pro Business, 2010.

Jean Ayres, Anna: Bausteine der kindlichen Entwicklung. Sensorische Integration verstehen und anwenden. Berlin: Springer Verlag,6 2013.

Kesper, Gudrun (Hg.): Sensorische Integration und Lernen. Grundlagen, Diagnostik und Förderung. München, Basel: Ernst Reinhardt Verlag, 2002.

 

 

 

 

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